Janoschsblog
Sonntag, 27. Oktober 2013
Nachdem ich gearbeitet habe, freue ich mich darauf das West End zu erkunden und bin unheimlich neugierig, was mich heute erwarten wird. Am meisten mit Spannung erfüllt mich, nicht zu wissen auf was für eine Art von Menschen ich treffen werde. Ich fahre mit dem Zug bis nach South Brisbane. Von der Station biege ich in die nächste große Straße und gehe von hier an nur noch gerade aus, bis ich im West End ankomme. Auf meinem Weg wird mir wieder einmal klar, wie Sicherheitsfanatisch die Australier sind. Ich stehe hier vor einer elektrischen Glastür, die sich erst aufschiebt, sobald das kleine grüne Männchen auf der Ampel zu leuchten beginnt. Zwar gehe ich die ganze Zeit dieselbe Straße entlang, doch diese verändert sich eindrucksvoll mit jedem Schritt der mich dem West End näher bringt. Ich passiere die ersten Cafés, in denen Menschen mit volltätowierten Armen auf kleinen Holzhockern sitzen. Auch die Gesichtsbehaarung der Männer scheint zuzunehmen. Mittlerweile bin ich nur noch umgeben von Restaurants, Bars, Cafés, kleinen Bücher- und Plattenläden oder Kunstgalerien. Hätte ich diesen Ort früher entdeckt, würde ich nun bestimmt in einem dieser Läden arbeiten und jeden Tag in einem anderen essen, trinken oder herumstöbern. Ich nehme mir vor in der nächsten Großstadt Ausschau zu halten, nach dieser Art von Orten. Ich gehe schließlich weiter bis zur Adresse, die mir Caroline geschickt hat. Die Tür steht offen. Ich traue mich allerdings nicht, einfach hineinzuspazieren. Noch immer habe ich keinen blassen Schimmer was mich hinter dieser Türschwelle erwarten wird. Immer wieder muss ich an einen Film zurückdenken, den ich mit Luisa zusammen im Kino gesehen habe. Ich setze mich auf den Bordstein und warte bis Caroline kommt. Fasziniert betrachte ich die Häuser. Beinahe ausschließlich aus Holz errichtet, stehen die etwas heruntergekommenen Bauten auf etwa zwei Meter hohen Pfeilern, unter denen meist ein Auto geparkt steht. Die Treppe, die hinauf zum Eingang führt ähnelt bei diesen Häusern immer einem kleinen Pfad zur Hintertür. Caroline kommt mir auf einem Fahrrad entgegen gefahren. Sie passt hier voll rein – eine hübsche Blondine mit einer so authentischen Nerdbrille, dass sie auf den ersten Blick wie ein eher reizloses Mauerblümchen erscheint. Ich rede also nicht von der typischen Ray Benn Brille, die mittlerweile jeder trägt, sondern von einem Gestell, das aussieht als hätte sie es aus einem dicken Stück silbernem Draht selber zusammengebogen. Caroline schiebt ihr echt cooles altes Rennrad durch die Gartentür und stellt es in den Eingangsflur, weil man ihr das Schloss stiehl. Ich kann es gar nicht glauben, als sie mir berichtet, dass sie das Rad zusammen mit einigen anderen im Keller ihrer Wohnung gefunden hätte. Wir betreten das Haus. Ich bemerke, dass wir nicht in einem normalen Wohnhaus sind, kann aber auch nicht zuordnen, worin genau wir uns befinden. Wir gehen durch einen Gemeinschaftsraum in die Küche. Es ist nicht besonders viel los. Ein kleiner Junge schneidet Tomaten und eine junge Frau zerkleinert Zwiebeln. Caroline begrüßt einen jungen Mann mit kurzen Rastazöpfen. Er scheint sich hier um alles zu kümmern. Die anderen Beiden scheint Caroline selber nicht zu kennen. Trotzdem ist die Atmosphäre total vertraut und entspannt. Nach einem kurzen Blick in die Tüten, die gefüllt sind mit Gemüse, das aus den riesigen Müllcontainern der großen Supermarktketten geerntet wurde, wird beschlossen, was gekocht wird. Ich beginne Pilze zu schneiden, denn die wurden scheinbar in Massen entsorgt. Als die junge Frau Musik anschaltet, fühle ich mich richtig wohl. Es sieht aus, als würden wir uns alle schon seit Jahren kennen und jede Woche zusammenkommen, um zu kochen. Dabei ist es gerade mal drei Tage her, dass ich die Person die mich hier hin mitgebracht hat zum ersten Mal gesehen habe. Ich gehe raus, auf die andere Straßenseite, um Rosmarin zu holen, der hier direkt am Straßenrand, neben dem Gartenzaun des Nachbarn, wächst. All das fertige Essen stellen wir auf einem umgedrehten Klapptisch, der vor dem Haus steht. Dazu kommen gespendete Brote vom Vortag. Zu fünft tragen wir das Essen die Straße hinunter, vorbei an einer etwas dreißigköpfigen Gruppe älterer Menschen, die mit ihrer Ukulele in der Hand in einem Café sitzen. Das Café, das vielleicht doch eher eine Bar ist befindet sich zur Hälfte auf der Straße und obgleich es zu einem Teil unter einer Plane errichtet wurde, sieht es unheimlich einladend aus. In Stuhlreihen sitzen die 35- bis 65-Jährigen beisammen und starren auf eine Leinwand. Der Beamer wirft Noten darauf, während eine Frau mit Mikrofon an der Seite steht, Anweisungen gibt und singt. Irgendwie muss ich ein wenig lachen. Und auch der Junge, der neben mir den Tisch trägt schmunzelt, ein wenig, obwohl ich glaube, dass er den Anblick bereits gewohnt ist. Den Tisch mit all dem frisch gekochten Essen stellen wir an der Hauptstraße, des West Ends auf. Es ist die Straße mit all den Cafés, die ich vorhin entlang gegangen bin. Wir selber eröffnen das Mal und nehmen uns reichlich von dem gekochten Müll. Wir sitzen auf dem Boden direkt gegenüber den öffentlichen Toiletten. Ich muss sagen, dass mir das vegane Recycledinner wirklich mundet. Mit ein wenig Salz, das selbstverständlich mitgenommen wurde, schmeckt das ganze echt gut. Nach einiger Zeit kommen noch einige Freunde der Gruppe und gesellen sich dazu. Kleine Gespräche beginnen und jeder lernt ein wenig mehr über den anderen kennen. Alles im allen wird mir gesagt, dass es ein sehr ruhiger Freitag war. Heute seien nur sehr wenige Leute gekommen. Nach eineinhalb Stunden gemeinsamen Essens und Erzählens packen wir alles ein und bringen die Sachen wieder zurück in das Haus, von dem ich noch immer nicht genau weiß, was es eigentlich ist. Was ich aber weiß ist, dass die Klospühlung hier eine intelligente ist. So steht es zumindest auf dem Schild neben mir, das mich darauf hinweist, hier würden nur vier Liter pro Spülung, statt der üblichen 6 verbraucht. Ich verabschiede mich freundlich und mache mich gut genährt auf den Weg zu Torsten und Miyao, um meine Kulturtasche von dort zu holen. Auf dem Weg raste ich in einem Bottleshop und kaufe mir einen Sechserträger Beck’s, der mit 16$ hier noch zu den günstigen gehört. Oettinger wird hier übrigens als deutsches Premiumbier verkauft und ist deutlich teurer. Ähnliches ist mir zuvor schon in Malaysia aufgefallen.
Montag, 14. Oktober 2013
Great Sandy National Park
Es
ist Montag. Jedoch einer dieser wenigen Montage von der guten Sorte, denn heute
ist Labour Day. Wir verbringen den ganzen Morgen damit all unsere Sachen
zusammenzuräumen, um noch vor der Flut zum Double Island Point zu gelangen. Der
starke Wind hat unseren mühselig errichteten Pavillon eingerissen. Ich fahre
heute den ganzen Tag bei Andy mit und kann das Offroading am Strand richtig
genießen. Über Funkgeräte verständigen sich die drei Wagen. Jan und Andy werfen
sich ununterbrochen Sprüche ob ihrer Autos an den Kopf, was für mich eine
herrliche Unterhaltung ist. Begeistert bin ich, als wir ankommen auf der
anderen Seite des Double Island Point. Vor uns liegt die See. Man sollte wohl
eher sagen ein See, denn in einer riesigen Mulde sammelt sich hier das Meerwasser.
Etwa 40 Meter sind es bis zur anderen Seite des Ufers, hinter dem dann das
offene Meer beginnt. Hinter uns befinden sich riesige Felsen und Sandberge. Ein
herrlicher Anblick. Rasch bauen wir unser kleines Quartier auf und frühstücken
am Strand, bevor ich mich in das kühle Nass begebe. Heute ist eine beinahe
unerträgliche Hitze. Ne.ben uns steht ein junger Mann mit seinen Söhnen und
zieht einen Fisch nach dem Anderen aus dem Wasser. Auch Jan und ich sind jetzt
geködert. Wir holen die Angelruten vom Dach des Wagens, montieren Blei und
Haken an der Schnur und versuchen unser Glück. Nur viermal schmeiße ich meine
Schnur ins Wasser, bis ich bereits zwei Fische gefangen habe. Unglaublich, wie
einfach das hier geht. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie die Stacheligen
Tiere heißen die wir hier aus dem Ozean ziehen. Nachdem ich mit Tobi einmal auf
die andere Seite des Ufers geschwommen bin, das nun keine dreißig Meter mehr
entfernt ist, weil die Ebbe langsam eingesetzt, braten wir den Fisch. Es ist
ein herrliches Gefühl hier zu sitzen, auf das wunderschöne Panorama zu blicken
und seinen frisch gefangenen Fisch zu essen, der zu dem gar nicht mal schlecht
schmeckt. Unangenehm ist nur, dass uns vor einiger Zeit das Wasser ausgegangen
ist und ich mich seitdem trotz leichtem Sodbrennen nur noch mit Bier begnügen
kann. Aber es gibt auch Schlimmeres. Nach der Hälfte des Tages begeben wir uns
wieder in die Autos und fahren zum Rainbow Beach. Hier ist das Zentrum für
Touristen. Wir fahren auf der schmalen Sandpiste entlang. Zu unserer Rechten
kommen die Wellen immer näher und zu unserer linken erstrecken sich die Felsen
in unerreichbare Höhen. Wir machen uns auf die Suche nach dem Carlos Sandblow.
Nach einem kurzen Marsch durch den Wald begegnet uns ein atemberaubendes
Naturphänomen. Über Jahrtausende wehte hier der Sand hinauf, sodass eine
riesige Düne entstand, von der man eine herrlichen Ausblick hat, auf das Meer
an der einen Seite und auf den Sonnenuntergang an der Anderen. Ich leihe mir
das Board von zwei deutschen Mädels und fahre einmal den Sandhang hinab. Viele
Fotos werden geschossen, als wir beobachten, wie der Feuerball hinter dem
Regenwald verschwindet, der hier am Fuße dieses enormen Sandberges beginnt.
Nach diesem Spektakel machen wir uns wieder auf den Heimweg zurück nach
Brisbane.Mittwoch, 25. September 2013
Ohne einen echten Plan...
Ohne einen echten Plan zu haben bin ich in Bangkok aus dem
Flieger gestiegen. Ich wusste nur, dass ich am 10. September in Singapur sein
müsste, um meinen Flug zu erwischen. Da ich mich bemühe ehrlich mit mir zu
sein, steht wenigstens eine Sache fest: Ich brauche einen Puffer! Ich nehme mir
also vor, drei bis vier Tage vor dem Abflug in Singapur anzukommen. Auf Koh Phangnan verstreichen die Nächte
zügiger als angenommen. Als ich am 5. September mit der Fähre in Richtung des
Bahnhofes in Surat Thani aufbreche –
die nächste größere Stadt auf dem Festland – verspüre ich bereits das
unbehagliche Gefühl spät dran zu sein. Mit einem Bus fahre ich in die Stadt und
muss umsteigen, in eins dieser Sammeltaxis. Nach einer äußerst rasanten Fahrt
mit merkwürdigen Zwischenstopps, komme ich nach deutlich mehr als drei Stunden
endlich am Bahnhof an. Ein junger Engländer, dessen Freundin die Fahrt
sichtlich unentspannt über sich ergehen ließ, staucht den Fahrer nun erst
einmal ordentlich zusammen. Der versteht natürlich kein Wort und wuchtet
schlechten Gewissens meinen Rucksack aus dem Taxi. Vom Bahnhof in Surat Thani fährt ein Nachtzug nach Hat Yai – die nächste größere Stadt
nahe der malaysischen Grenze. Allerdings scheinen die Verantwortlichen der
Thailändischen Bahn mit meinen Plänen nicht ganz einverstanden und durchkreuzen
meinen Zug auf dem wiederbeschreibbaren Clipboard, das hier die Anzeigetafel
mimt. Statt auf den Gleisen rollend, verbringe ich meine Nacht also liegend
daneben. Ich bin allerdings nicht alleine, sondern in guter Gesellschaft eines
Franzosen, der merkwürdigerweise länger als geplant in Eden hängen geblieben ist.
Er sieht aus, wie eine Mischung aus Robert Pattinson in „Remember Me“ und dem
Typen aus „Into the Wild“. Seine verdreckte Jeans, das Holzfällerhemd und die
von einem Einheimischen geschnorrte Kippe im Mund passen da Perfekt ins Bild.
Wegen der transporttechnischen Unannehmlichkeiten wird der junge Mann seinen
Flug von Singapur verpassen. Da sein Thailändisches Visum übermorgen abläuft,
beschließt er kurzerhand, mit dem Zug über die malaysische Grenze zu fahren und
anschließend erneut in Thailand einzureisen, um weitere 15 Tage zu bekommen.
Natürlich möchte er wieder zurück nach Eden. Obwohl ich beinahe 48 Stunden jede
Minute mit ihm verbringe, werde ich am Ende nicht mal seinen Namen kennen –
irgendwie geheimnisvoll. Quasi als Ersatz fährt am nächsten Morgen ein
außerplanmäßiger Ersatzzug, für den wir 50 Cent bezahlen. Während der
fünfstündigen Fahrt bin ich ein wenig verblüfft, als immer wieder Leute durch
den Zug laufen, um ihr Streetfood zu verkaufen. Anscheinend steigen sie einfach
in den Zug ein, laufen ein paar Mal auf und ab und steigen nach wenigen
Stationen wieder aus.
In Hat Yai
nehmen der Franzose und ich denselben Zug. Ich kaufe mir ein Ticket bis Kuala Lumpur und er bis zur Grenze in Padang Besar. Am Bahnhof in Padang Besar müssen alle Passagiere
aussteigen, um durch die malaysischen Sicherheitskontrollen zu gehen und sich
einen Einreisestempel in ihrem Pass abzuholen. Ich krame also all meine Sachen
zusammen und bewege mich durch die rucksackfeindliche Zugtür. Aus meiner
Bauchtasche zücke ich meinen Impfausweis hervor und klatsche ihn mir vor
Verzweiflung gegen die Stirn. Ich habe meinen Reisepass im Hostel auf Koh Phangan(!!!) vergessen. Erst langsam
wird mir bewusst, dass ich bereits aus Thailand ausgereist bin und mich im
Niemansland befinde. Ich stecke also fest, im Nichts, zwischen zwei Grenzen,
ohne Pass. Schei…! Jetzt können mich nur noch Charme und geschickte Rhetorik
wieder zurück nach Thailand bringen, um meinen Pass von der 450km entfernten
Insel zu holen. Und zwar schnell. Schließlich muss ich meinen Flug in Singapur
noch erwischen. Charme und gute Rhetorik fürn Arsch! Das einzige was die
multilingualen Grenzarbeiter von meiner wohlüberlegten Erklärung verstehen ist
„NO PASSPORT“. „NO PASSPORT?!“ wiederholt der Typ und starrt mich mit großen
Augen an. Ich meine, selbst der Franzose hat verstanden, was passiert war! Auch
die freundlichen Männer in Uniformen an der Autogrenze sind mit der Situation
offenbar leicht überfordert. „BOSS BOSS!“ versucht einer der Herren mich wild
gestikulierend loszuwerden. Etwas verwirrt folge ich seinem Fingerzeig und
finde mich auf der Straßenseite wieder, an der die Autofahrer gerade von
Thailand nach Malaysia einreisen möchten. Eigentlich war ich ja nie in
Malaysia. Jedenfalls nicht auf bzw. mit meinem Pass. Ganz unauffällig schaue
ich mich um und marschiere möglichst entspannt vom Grenzgebiet. Puh, wäre das
auch geschafft. Jetzt muss ich nur noch schleunigst wieder zurück nach Koh Phangan.
Immer noch mit dem Franzosen an meiner Seite, versuchen wir herauszubekommen,
wie wir wieder zurück nach Hat Yai
gelangen können. Leider sind die Einwohner der winzigen Grenzstadt des
Englischen gänzlich ohnmächtig. Nach heiterem Hin und Her frage ich einen
jungen Truckdriver, der gerade losfahren möchte höflich, ob er nach Hat Yai fahre und uns mitnehmen könnte.
„Hat Yaaaai???“ erwidert dieser verständnisvoll. „Hat Yai Hat Yaaai!!!“ bringe
ich ihm bestätigend entgegen. Offenbar verstehen wir uns prächtig. Also steigen
der Franzose und ich ein. Mit einem Freund des Fahrers und, allem Anschein nach,
dessen kleinen Bruders hocken wir zur fünft, samt Gepäck, in der winzigen
Fahrerkabine. Die Sonne senkt sich bereits hinter den Horizont und trotz meiner
misslichen Lage kann ich mir ein Lächeln einfach nicht verkneifen. Wir trampen
mit einem thailändischen Lastwagen der Hoffnung entgegen, in Hat Yai noch irgendein
Fortbewegungsmittel in Richtung Norden zu erwischen. Was für eine Erfahrung!
Irgendwo an einer Hauptstraße in Hat Yai lässt uns der Truckdriver aussteigen
und gibt uns den höflichen Tipp, mit dem Taxi weiterzufahren. Noch immer wissen
wir nicht, ob wir zum Bahnhof oder zur Busstation fahren sollten. Eher zufällig
landen wir schließlich gegen 20 Uhr an der Busstation und dürfen feststellen,
dass noch heute Abend ein Bus in Richtung Koh Phangnan aufbrechen wird. Da der
Bus leider bereits voll ist, ergattern wir auf der siebenstündigen Nachtfahrt
lediglich einen Stehplatz, der sogar auf dem Ticket als solcher angeführt wird.
Mir ist das egal, denn ich bin überglücklich, schon morgen wieder nach Hat Yai aufbrechen zu können. Mittwoch, 18. September 2013
Dienstag, 3. Spetember 2013
Koh Phangan
Um zwölf Uhr morgens beende ich den Test meiner Augenlider
auf Lichtundurchlässigkeit. Es hat den Anschein, als hätte ich recht gut genächtigt. Mit leichtem Sodbrennen nehme ich
mir vor, den Strand Haad Rins einmal bei Tageslicht zu betrachten. Trubel habe
ich erwartet. Was ich vorfinde ist jedoch ein schattiges Plätzchen unter einer
Palme, begleitet von den sonnigen Gitarrenklängen Jack Johnsons. Möglicherweise
dauert es auch deshalb eine halbe Stunde, bis ich vom Wasser aus bemerke, dass
es sich wirklich um denselben Strand handelt, an dem ich mich vor weniger als
zwölf Stunden unter einer in Flammen lodernden Limbo-Stange hindurchmanövrierte.
Das Wasser ist himmlisch. Im flachen Nass döse ich vor mich hin. Angetan von
der Atmosphäre um mich herum, finde unglaubliche Entspannung. Ich spreche zwei
hübsche Französinnen an, deren Bikinis mir gefallen. Es ist offensichtlich,
dass sie in Bangkok gewesen sein müssen, denn dort wimmelt es geradezu vor
Stoffen, mit diesen unverwechselbaren Hippie-Mustern, die ihre Zweiteiler
zieren.
Auf dem Rückweg mache ich halt am Coral Bungalow Club, der
für den heutigen Abend mit einer Pool-Party lockt. Da die Sonne dem orange
schimmernden Horizont immer näher kommt, ist es Zeit, dass ich mir etwas Indisches
aus der prall gefüllten Speisekarte bringen lasse. Während mir die
kulinarischen Köstlichkeiten den Gaumen beglücken, werde ich Zeuge eines
bezaubernden Sonnenunterganges im Paradies. Ich werde das verhaltene Gefühl nicht
los, dass es mir hier ganz gut gefällt. Da ich meine gehört zu haben, dass die
Beachparty bis zum Morgen andauern soll, beschließe ich die Nacht hier zu
verbringen und möglicherweise am Strand zu schlafen, um den Sonnenaufgang zu
genießen. Anschließend würde ich mit dem Scooter zurück ins Hostel brausen. Der
Plan sollte leider nicht ganz aufgehen.
Nachdem ich mich mit meinen Zimmerkollegen im Hostel
besprochen habe, wollen wir zunächst alle gemeinsam zu einer Beachparty und
anschließend unsere verschiedenen Partys aufsuchen. Mit meinem Roller breche ich auf, während die Anderen mit
dem Taxi fahren. Ich fahre etwas weiter, um mein Gefährt bereits bei der
Poolparty zu parken. Anschließend mache ich mich zu Fuß auf den Weg zur
Beachparty. Die ist zwar nur 800 Meter entfernt, doch ich muss die Straße
entlang gehen und die führt ausschließlich bergauf. Als ich, natürlich
hauptsächlich(!) ob des Klimas, ziemlich erschöpft oben ankomme, warten die
anderen bereits auf mich um mir mitzuteilen, dass die Party noch nicht begonnen
hat. Also geht es für mich den ganzen Weg wieder zurück und noch etwas weiter.
Wir beschließen nämlich zum Strand zu gehen. Auf dem Weg entlang der Straße
überholt uns ein völlig überfülltes Taxi. Auf der kleinen Einstiegsstufe, an
der auch die Rücklichter befestigt sind, stehen bereits drei junge Männer und
halten sich am Dach des umgebauten Minitransporters fest. Zwar rast die
Maschine rasant an uns vorbei, doch ich bin mir sicher, einen der drei erkannt
zu haben. Das war Dror. Ein Israeli, den ich zusammen mit einer Gruppe
Deutscher in Bangkok kennengelernt habe. Zwar wusste ich, dass sie auch auf
einer der Inseln unterwegs sein müssten, doch dass ich sie hier sehe, überrascht
mich doch freudig.
Als wir am Strand sind, nehme ich mir vor nach ihnen
Ausschau zu halten. Keine 30 Sekunden dauert es, bis ich sie finde. Unglaublich!
Mit der großen Gruppe beschließen wir nach Eden aufzubrechen. Eden ist ein
kleiner Teil der Insel, der nur mit dem Taxiboot zu erreichen ist. Ich verfolge
dabei noch immer den Plan, im Anschluss die Poolparty aufzusuchen. Mit dem Boot
fahren wir für 150 Baht nach Eden und schon allein die Fahrt ist das Geld wert.
Ich habe zu diesem Zeitpunkt bereits einiges über die Drogenexzesse an diesem
Ort gehört und bin gespannt, was mich erwartet. Wir kommen am Strand an und
steigen aus dem kleinen Boot ins Knietiefe Nass. Zwischen großen Felsen gehen
wir einen Weg auf Holzbrettern entlang, den man als irgendetwas zwischen einer
Brücke und einem Steg beschreiben könnte. Links und rechts des Weges haben es
sich einige Leute gemütlich gemacht und genießen den Anblick der Sterne oder
einfach nur ihren Rausch. Wir biegen um den nächsten größeren Felsen, an dessen
Fuße das Meerwasser emporquillt. Man
hört bereits die dumpfen Elektro-Klänge, die viele Menschen hier mit dem wilden
Nachtleben Berlins assoziieren. Jeder zieht seine Schuhe aus, bevor er die auf
den Felsen errichtete Holzkonstruktion betritt, auf der sich ein ganzer Club
unter freiem Himmel befindet. Dieser Ort versprüht seine ganz eigene Magie. Ich
fühle mich an all das erinnert, was mir sonst nur aus Filmen bekannt ist, die
in den 60er oder 70er Jahren spielen. Es fühlt sich an, als wäre ich
zurückversetzt worden, in eine Zeit, in der ich nie war. In bunten
schlabberigen Hosen tanzen Einige, als befänden sie sich in Schwerelosigkeit. Mit
beiden Armen in der Luft, begleiten sie sanft die Klänge der Elektromusik.
Viele dieser Leute sind bereits über 30, manche über 40. Und wenn ihr
zweiwöchiger Urlaub an diesem merkwürdigen Ort beendet ist, kehren sie wieder
zurück in ihre Büros, fern von bunten Schlabberhosen. Rund um die Tanzfläche
liegen Polster auf dem Boden, auf denen sich man sich niederlassen kann. Dieser
Ort ist befreit von jeder Hektik. Es ist, als wäre er umhüllt von einer
riesigen Entspannungswolke. In Anbetracht des Geruchs, der mir aus allen
Richtungen in die Nase weht, ist das wohl auch der beste Ausdruck. So
begeistert ich auch von der Surrealität dieses Ortes bin, muss ich doch
feststellen, dass mir das alles irgendwie zu viel ist. Außerdem möchte ich ja
auch noch zur Pool Party. Als ich dort ankomme, ist die natürlich bereits beendet.
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